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„Ich kenne ein altes Mittel, das Unheil verhütet: Schweigen.“

(Chor – Agamemnon)

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Ein Jaulen geht durch die stadt. Das Dröhnen eines Fluches – altes Leid, das zu neuer Rache führt. Seit sie herrscht, vergehen die Zeichen früherer Pracht. Sie ist nur die Frau des wahren Herschers – A – A – GA – Böses ist zu erahnen hinter den Mauern des Palastes – MEM - es breitet sich aus, durchströmt die Körper– GA – GAM – ME – Blut liegt in der Luft und man ahnt – NON – Verhängnis vollzieht sich.

AGAMEMNON, siegreich kehrte er nach zehn Jahren aus dem Krieg gegen Troja wieder. Doch sie, Klytaimnestra, seine Frau, hatte sein Haus und sein Bett beschmutzt, in- dem sie sich mit dieser Inzestgeburt eingelassen hat – Aigisthos. Auch er sann auf Rache. Rache für den Mord an seinen Brüdern, den Agamemnons Vater Atreus, einst verübte.

Jenen hatte er schon dafür erschlagen, hatte sich auch den Thron von Mykene angeeignet, aber Agamemnon vertrieb ihn wieder – DAS GUTE SIEGE! Doch der feige Verführer nistete sich ein im Palast, verdrehte der Frau den stolzen Kopf, der voll war von Trauer über die gemordete Tochter. Warum nur musste Agamemnon sein eigenes Kind auch den göttern für guten segelwind opfern? Warum die blutige Urschuld des Fluches weiter tragen? Dieser Fluch, der auf dem Haus des Atreus liegt und in jeder generation neue Mörder am eigenen Blut erzeugt, bis das ganze Geschlecht vernichtet ist. Mit einer Axt erschlug die Zornige ihn, unseren Agamem- non. Was hätten wir tun sollen? Es gilt das Gesetzt: Vom Leiden Lernen – bleiben wir also lieber im Verborgenen.

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Besetzung und Mitarbeit

CHOR

Valentina Inzko Fink,

Robert Lankester,

Wiebke Isabella Neulist,

Claudio Gottschalk-Schmitt,

Lisa Rothhardt,

Philipp Rosenthal,

Nico Soller

KLYTAIMNESTRA

Kostanze Fischer

AGAMEMNON

Jakob Tögel

KASSANDRA

Cem Lukas Yeginer

AIGISTHOS

Daniel Holzberg

Übersetzung

Peter Stein, Johann Gustav F. Droysen

Textfassung

Marco Toth, Till Kleine-Möller

Dramaturgie und Regieassistenz

Stefanie Fischer

Musik

Johannes Osenberg, Jakob Tögel

Choreografie

Claudio Gottschalk-Schmitt

Maskenbild und Ausstattung

Miriam Waldenspuhl

Mitarbeit Maske und Ausstattung

Caterina Veronesi,

Aylin Halman

Licht

Georg Boeshenz

Aufführungsrechte

Verlag der Autoren, Frankfurt a.M.

Regie und Bühne

Till Kleine-Möller

Als die Orestie von Aischylos im Jahr 458 v.Chr. im Zuge der Dionysien erstmals vor Publikum präsentiert wurde, verfolgten die Aufführungen einen streng gegliederten Ablauf. exemplarisch zeigt sich dies in der Trilogie aus Agamemnon, Choephoren und Die Eumeniden. Die Auf- führung schloss in der griechischen Antike nach einer dreiteiligen Tragödie mit einem satyrspiel, welches jedoch im Falle der Orestie nicht überliefert ist. Im Hinblick auf eine Zeit fernab von Videomitschnitten und Audioaufzeichnungen, stellt sich die Rekonstruktion einer Theateraufführung als Herausforderung dar. Dank der Überlieferung durch Vasenmalerei steht jedoch fest, dass verglichen mit der Form, auch im Hinblick auf den Einsatz von inszenatorischen Stilmitteln, eine Regelmäßigkeit bestand. Die Poetik von Aristoteles ist hierfür eine wichtige Quelle aus den Jahren ab 335 v. Chr., die sich vorwiegend mit Tragödien als literarische Werke beschäftigt. In seiner Tragödientheorie beschreibt Aristoteles Stilmittel als sogenannte Effekte. Für die mimetische Qualität der aufgeführten Tragödie spielen diese Effekte wie beispielsweise der Einsatz von Masken, die Musik, oder auch der Tanz eine wesentliche Rolle. Die Erschütterung des Zuschauers, was Aristoteles als Katharsis – das Jammern und Schaudern – bezeichnet, bedarf zunächst einer Einfühlung, die durch Effekte maßgebend ausgelöst werden kann.

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Im Theater der griechischen Antike ist auf-fallend, dass die Effekte eine Einheit bilden. Am Beispiel des Chores lassen sich die Effekte Maske, Musik und Tanz aufzeigen. Der Chor dient gewissermaßen als Fundament der Tragödie und bestand meist aus zwölf bis fünfzehn Personen. Er agierte als Masse mit den Akteuren, wobei für die Homogenität des Chores Masken zum einsatz kamen.

Die Choreuten mit ihrem Anführer dem Koryphaios, kommentierten die Handlung, dienten als Dialogpartner der Figuren und wurden selbst zum inszenatorischen Mittel. Dadurch kann der Chor als Schnittstelle zwischen Bühne und Zuschauerraum angesehen werden. In festgelegten Formen kommuniziert der Chor auf der Bühne und vermittelt zeitgleich dem Publikum entscheidende Informationen über den Mythos oder das Seelenleben der Figuren. Im antiken Theater war es aber kein reines Privileg des Chores Masken zu tragen. Dadurch, dass meist drei männliche Schauspieler den Verlauf der Handlung darstellten und auch weibliche Rollen spielten, war es gängig mit Masken zu spielen. Im hier behandelten Stück Agamemnon gibt es sechs Rollen, wovon mindestens zwei – Klytaimnestra und Kassandra – eindeutig weiblichen Geschlechts zugeordnet werden können. Durch den Effekt der Maske wurde ein IIlusionsaufbau angestrebt und um den Zuschauer in den Bann zu ziehen, wur- den die Effekte Tanz und Musik verwendet. Als Beispiel hierfür ist zu nennen, dass der Chor im Gleichklang singend oder sprechend zu Beginn in die Orchestra einzog. Hierbei wurde er begleitet von Musik und bewegte sich rhythmisch, was einer tänzerischen Choreographie gleichkam.

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Dem antiken Publikum wurde durch diese stilistischen Bühnenmittel ein eingängiges Theatererlebnis eröffnet. Darauf ausgelegt die öffentliche Vermittlungsform des Theaters zu nutzen und eine breite Masse anzusprechen, wurde durch den Chor, als eine aktive Schnitt- stelle von Schauspielern zu Zuschauern, der Mythos erläutert. Durch die zuvor angespro- chenen Effekte der Masken und des Tanzes konnte eine Art Sogwirkung evoziert werden, die durch schnelle Wechsel eine Faszination auslöste, die es ermöglichte jene Illusion des Bühnengeschehens aufrecht zu halten. Da der antike Zuschauer dadurch wie in einer Art Trance die Handlung verfolgte, konnte eine, wie von Aristoteles befürwortete, kathartische Wirkung ausgelöst werden.

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Bei dieser Umsetzung der Tragödie mit antiken Effekten, sieht sich der Zuschauer mit einer verzerrt und artifiziell wirkenden Theaterszenerie konfrontiert. In Bezug auf die zuvor angesprochenen Effekte Maske, Tanz und Musik finden sich immer wieder Elemente in der Inszenierung, die es Vermögen den Zuschauer in seiner Rezeptionshaltung zu irritieren und sich selbst in seiner Funktion als Betrachter zu rekapitulieren. Die Verwendung solcher Stilmittel innerhalb jener durchaus zeitgenössischen Inszenierung, vermag es umso mehr den Fokus auf das gesprochene Wort zu legen. Somit lauscht man als Zuschauer dieser Agamemnon-Inszenierung aufmerksam dem Mythos, während der Sog der Effekte einen in eine verzerrte Bühnenwirklichkeit mitreißt. Es gilt heute ein Streben nach Jammern und Schaudern auf abstrakte Art und Weise.

Lisa-Frederike Seidler

„AGA-Who?“ – über eine verzerrende Wirkung antiker Effekte

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